• Naddi

Ich nahm mich an die Hand und wurd´ dann mal erwachsen

Ab wann zählt man als erwachsen? Wie werden wir überhaupt erwachsen? Und wann?

Ich habe mich mal auf die Suche nach meiner Definition vom "Erwachsen sein" gemacht.


Auf meinen 18. Geburtstag habe ich mich so sehr gefreut, dass ich um Punkt 00:00 Uhr sofort in Tränen ausbrach. Was für eine Erlösung. Yeaaahhh, endlich erwachsen, endlich frei, ein neues Leben begann.......die Zeit verging. Aber, ab wann bin ich erwachsen?


An meinem nächsten Geburtstag wird meine Volljährigkeit volljährig, ich werde 36. Wie ich finde ein geeigneter Zeitpunkt mir mal Gedanken darüber zu machen, ob ich denn das Lebensziel "erwachsen sein" erreicht habe.

Der Mensch ist erwachsen, ...
„…, wenn er erfährt, was ihn trägt, selbst wenn es keine irdische Macht ist, keine Eltern, kein anderer Mensch, kein Verein, kein Karriereziel, kein Begehren, keine religiöse Lehre oder Weltanschauung die ihm mehr Halt gibt, und auch er selbst sich nicht mehr tragen kann …“ Wolfgang Giegerich

Als Teenager war erwachsen sein gleichgestellt mit frei sein für mich. Mit schreckte weder die Tatsache ab, dass man arbeiten müsse oder für sich allein verantwortlich war. Endlich frei über mich entscheiden können. Endlich eine eigene Wohnung, ein eigenes Leben, dass sich gut und selbstbestimmt anfühlt.

Ja gut, was soll ich sagen. Hat schon seinen Grund, dass ich erst mit Mitte dreißig darüber nachdenke :) Nein, stimmt so nicht ganz. Mit meinem Mann oder Freunden habe ich natürlich schon öfter darüber philosophiert, ob wir denn nun schon erwachsen seien. Und bei diesen Gesprächen kam für mich immer raus, dass ich mich mit erwachsen sein noch nicht so wirklich identifizieren konnte. Es fühlte sich immer noch so teenagermäßig an, nur mit mehr Wissen, 3 Kindern, mehr Erfahrungen und eben älter. Aber die Brille war immer noch mehr die Teeny-Brille und nicht die eines Erwachsenen und ich wollte auch irgendwie nicht erwachsen sein. Dann könnte ich ja mein jungenhaftes Wesen oder Denken vergessen...


Auf merkur.de fand ich dazu eine interessante Studie. Hier ein Auszug aus dem Artikel und der Studie:

" ...So klärt ein Team von Neurowissenschaftlern um Studienleiter Professor Peter Jones vom britischen Wolfson College Cambridge auf, dass viele Menschen erst mit 30 Jahren den Reifegrad "Erwachsen" erreichen würden. Mit 18 sei das Gehirn längst nicht ausgereift, es würde sich in den kommenden Jahren noch massiv verändern, wie die britische Internet-Zeitung The Independent berichtete. "Was wir eigentlich sagen wollen, ist, dass es absurd ist, eine feste Definition davon zu haben, ab wann man von der Kindheit ins Erwachsenenalter kommt", zitiert die BBC Professor Jones. Der Übergang zum Erwachsensein sei ein fließender Prozess: Bis das Gehirn ganz ausgereift ist, können bis zu drei Jahrzehnte vergehen." (merkur.de)"

Also mein Gehirn braucht schon mal länger, als 18 Jahre um erwachsen werden zu können. Und da ich ja nicht nur mein Gehirn bin, sehe ich das ganze wirklich als eine Art Prozess an. Eine komplett eigenstehende Lebensphase, wie das Kleinkindalter, wie das Teenageralter und diese Phase braucht ebenso Raum zum Entwickeln, Lernen und Erfahren, wie die Phasen zuvor auch. Nur bin ich selbst nun an der Reihe mir diesen Entwicklungsraum zu nehmen und das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass und wie dieser Prozess stattfindet.

Schon mal die erste Challenge auf dem Weg ins erwachsen sein. Denn wenn ich ehrlich bin, gesellschaftlich kommt da nicht viel Raum, Zeit, Wissen oder gar Verständnis bei rum, zumindest dort in Deutschland, wo ich lebe.

Die Anfänge der 20iger werden noch als Austoben toleriert, aber am besten schon mit Geld verdienen, denn wir waren ja nicht umsonst auf der Schule, muss ja Ertrag bringen, die ganze Zeit dort. Und außerdem dürfen wir ja keine Lebenszeit mit "Nichtstun" verschwenden.... Und so stolperte ich wir von der Schule zum Job, verwickelte mich in zwischenmenschliche Beziehungen, gründete eine Familie, erschaffte mein zu Hause und nahm Kredite auf.... Tag ein Tag aus und während dieser ganzen Zeit wurden ich so nebenher erwachsen. Aber war ich mir dessen wirklich bewusst?

Warst du schon mal auf einer Feier, auf der jemand sein erwachsen sein feierte? Ich nicht. Nach dem 18. werden die runden Geburtstage noch groß gefeiert und vielleicht noch die 5er in der Mitte etwas mehr. Aber man wird halt nur älter....

Einen Tag nach meinem 18. Geburtstag bin ich offiziell ausgezogen. Aber damit fing für mich das erwachsen werden ja erst an. Denn mit dem physischen und psychischen Abstand von zu Hause bekam die Eigenständigkeit in mir immer mehr Raum.

Hans-Joachim Maaz hat das in einem Interview wie ich finde wieder sehr treffend formuliert:

"Entscheidend ist zu verstehen, welche Fähigkeiten man selber hat bzw. was man von seinen Eltern mitbekommen hat. Aber auch verstehen, was schlecht war! Diese Auseinandersetzung ist für jeden erwachsenen Menschen notwendig. Spätestens wenn man 18 geworden ist, sollte man sich fragen, was man von seinen Eltern übernehmen will und was gefehlt hat bzw. was nicht geholfen hat. Sonst führt man das, was man erlebt hat, unkritisch und unreflektiert fort. Man ist aber ein selbstständiger Mensch, eine neue Generation sozusagen." (Interview mit Hans-Joachim Maaz)

Und diese Auseinandersetzung war auch für mich absolut notwendig um ein eigenständiger, glücklicher und erwachsener Mensch werden zu können. Ich möchte mich nicht selbst reden hören und mir dabei denken "oh shit, warum habe das denn nun wieder gesagt". Meine Kinder haben mir sehr dabei geholfen, erwachsen zu werden und mir eine Eigenen Meinung, ein eigenes Weltbild anzueignen. Denn sie hinterfragen alles ;)


Als Teenager hat mich an vielen Erwachsenen gestört, wenn sie alle(s) kontrollieren wollten und wenn es sich nicht kontrollieren ließ wurde es verboten oder bestraft. Und je älter ich wurde, umso mehr habe ich bemerkt, dass die Erwachsenen auch untereinander so mit sich umgehen. Passte ich einen Fettnapf lang nicht auf, schon steckte ich manchmal inmitten von emotionalen Verwurschtelungen, die mich beruflich, privat und auch persönlich echt runtergezogen haben. Schon allein, weil das kein Lebensmodell ist, mit dem ich glücklich werden könnte, stand das Thema erwachsen werden immer mit in meinen Alltagsfokus.

Ich liebe den Spruch, um seine Weisheit auf die Probe zu stellen, solle man zwei Wochen mit der Familie in Urlaub fahren oder mit den Eltern. Ja, genau in solchen alltäglichen oder voll im Familienwahnsinn steckenden Momenten weiß ich, ob und in welchen Lebensbereichen ich schon erwachsen handle. Und ja, auch ich musste bei meiner Kindheit anfangen, um im Erwachsengewordensein ankommen zu können. Ich wollte mich nicht mehr ärgern, ich hatte keine Lust mehr darauf, dass mich die Reaktionen anderer immer noch aus der Bahn bringen konnten. Ich wollte emotional stabil sein. Robert Betz beschreibt das auf seiner Homepage auch sehr verständlich:

Beispiele zum "erwachsen sein" von Robert Betz

Wenn der oder die Vorgesetzte Sie wieder mal kritisiert oder nicht ausdrücklich lobt, wenn Sie etwas Besonderes geleistet haben, dann reagiert das Kind in Ihnen verschnupft oder beleidigt. Es ist nicht die oder der 50jährige Erwachsene.

Wenn Sie morgens wach werden und es denkt in Ihnen: "Ich muss mich beeilen, ich muss arbeiten", dann ist es der Jugendliche in ihnen, der gelernt hat zu glauben, sich Liebe und Anerkennung durch Leistung verdienen zu müssen.

Ich behaupte: Der mit Abstand größte Teil des Leidens und der Enttäuschungen in unseren Paar-Beziehungen, in Ehen und Partnerschaften, rührt aus diesen Verstrickungen mit der Mutter und dem Vater der Kindheit. In unseren Mann-Frau-Beziehungen brechen die alten Wunden immer wieder auf, die damals nicht heilen konnten.

Das Kind, das damals immer wieder zurückgewiesen wurde mit seinem Wunsch, bedingungslos angenommen und geliebt zu werden, steuert uns im Alltag viel mehr als uns bewusst und lieb ist. Für den Verstand ist dieses Kind Vergangenheit, in Wahrheit jedoch ist dieses Kind höchst lebendig in uns aktiv. Wir laufen in erwachsenen Körpern durch das Leben, aber wir verhalten uns in entscheidenden Situationen wie kleine Kinder. (Robert Betz)

Erwachsen werden habe ich erfahren, ist ein Reifeprozess, ein Lebensprozess, ein sich stetig immer weiteres Abnabeln von den äußeren Sicherheitsnetzen. Ein sich in Frage stellen, ein Neuausrichten des eigenen, inneren Kompasses, losgelöst von den Werten, Vorstellungen und Erwartungen meines Umfeldes. Und dieser Prozess war zeitweise genauso schwierig, holprig, wackelig und schmerzhaft, wie z.B. das Laufen lernen.

Heute kann ich auf das Vergangene mit der Erwachsenen-Brille schauen. Das heißt nicht, dass ich mich nun nicht mehr an die Teeny-Brille erinnere. Aber wie mit zu klein gewordenen Schuhen. Sie passt mir heute nicht mehr. Ich betrachte das Geschehene aus einem größeren Blickwinkel. Meine Wunden habe ich geheilt, wo es nötig war mir und anderen verziehen. Ich habe gelernt, achtsamer und bewusster zu denken, zu handeln und vor allem zu (mitzu)fühlen. Ich habe mich kennengelernt und weiss, was notwendig ist, damit es mir gut geht.

Mein Erwachsenenalter habe ich erreicht, seit ich Spannungen und verletzte Gefühle aushalten und einfach akzeptieren kann. Ich suche keinen Schuldigen mehr, sondern schaue, was ich dazu beitragen kann, dass der Konflikt sich löst. Und so sammle ich immer mehr neue Erfahrungen.

Heute steuert mich nicht mehr die unterbewusste Erinnerung an verletzende Situationen aus meiner Kindheit/Vergangenheit fremd, sondern ich halte die Gefühle aus, die sich bemerkbar machen und kann mit ihnen umgehen und (meistens ;) ) mitfühlend und Grenzen wahrend reagieren.

Und somit ist schon allen anderen in meinem Umfeld geholfen. Wenn ich heute z.B. einen Konflikt mit meinen Kindern habe, dann kann ich ihn mit all meinen erworbenen Kenntnisse, Erfahrungen und Kompetenzen lösen, die mir heute zu Verfügung stehen. Ich kann leichter lernen und mit "Fehlern" toleranter umgehen.


Mein inneres Kind ist beruhigt und fühlt sich wohl. Mein rebellischer Teenager in mir erkennt, dass wir unseren Weg gehen und vertraut mir, dass das als Erwachsene schon geregelt bekomme.

Zusammenfassend kann ich sagen: erwachsen werden lohnt sich auf alle Fälle!


Ein eigenverantwortliches Leben, für das ich mich bewusst entschieden habe und das ich auf allen Ebenen akzeptiere, gibt mir auch die tägliche Kraft, um die verrücktesten Situationen zu meistern!

Wie herrlich würde es sich anfühlen, wenn wir uns eigenverantwortlich um die Erfüllung unserer Bedürfnisse kümmern könnten. Ich glaube, dass würde uns als Menschheit richtig gut tun und unser Leben hier auf der Erde um ein vielfaches vereinfachen.


Auf meinem Weg zu innerem Frieden kann ich sagen, dass es mir unglaublich gut getan hat, mich nochmals intensiv damit zu beschäftigen und für mich zu definieren, was erwachsen für mich bedeutet und ob und in welchen Lebensbereichen ich es heute bin.

Gelingtipps von mir?

Finde heraus, wie du deine, ganz individuelle Verbindung zu dir und mit dir aufbauen und halten kannst, mit ihr wirst du dich stets sicher fühlen und mit dir in Kontakt stehen. Lass Bauch, Kopf und Herz, Körper, Geist und Seele ein Team werden.

Sei ehrlich zu dir, auch wenn`s vielleicht anfangs schmerzvoll ist! Sei verständnisvoll und mitfühlend mit dir! Und, hab Spaß an der Sache. Genieß den Ritt´, dann wird alles viel cooler.

Warte nicht darauf, dass etwas oder jemand kommt, die, das oder der etwas ändert!

Der die Ungerechtigkeiten und Probleme beseitigt oder dir zeigt wie es geht. Nimm´ dir Unterstützung wo du sich brauchst. An die Hand musst du dich selbst nehmen und deine erworbenen Kompetenzen erkennen und einsetzen.


Lern` dich kennen, sei dein eigenes Date und du lernst dich lieben. Nadditopia

Bis bald,

Naddi

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